„Beachhandball ist Raffinesse und Cleverness“

Herr Franke, wie sagt man so schön: es schlagen – ach – zwei Herzen in Ihrer Brust. Welches schlägt heftiger – das für Beachhandball oder das für Hallenhandball?
Marten Franke: Welches heftiger schlägt, kann ich so gar nicht sagen. Der Handball begleitet mich jetzt ja schon seit 20 Jahren. Das war für mich von Kind auf eine große Leidenschaft, ich habe aber auch schon sehr früh im Sand gestanden. Beach hat für mich doch noch einen etwas anderen Spaßfaktor. Nicht nur wegen des Drumherum, der Sonne, Strand etcetera, sondern weil auch das Spiel an sich anders geprägt ist. Statt Kampfkraft sind da schon mehr Raffinesse und Cleverness gefragt. Wenn ich im Spiel bin, macht häufig der Beachhandball mehr Spaß. Man wirft mehr und vor allem schönere Tore durch die Kempa und Pirouetten, aber Handball ist einfach insgesamt ein wunderbarer Sport, der viel mit sich bringt. Kampfgeist, Teamgeist, gute athletische Voraussetzungen.

Was fasziniert Sie an der sandigen Version?
Da sind natürlich auch die Rahmenbedingungen. Häufig – leider nicht immer – spielt man in der Sonne bei gutem Wetter, nebenbei läuft Musik und du bist Teil der Beachfamilie. Wenn du auf deutschen Meisterschaften bist, kennst du mehr als die Hälfte der Spieler persönlich, schnackst mit ihnen und sitzt abends mit ihnen noch zusammen. Das hat einen ganz besonderen Reiz. Und natürlich sehe ich dann auch meine Mannschaftskameraden von den Nordlichtern, die ich ja nicht dreimal die Woche beim Training sehe, sondern nur an vier, fünf Wochenenden im Jahr.

Was ist für Sie der prägnanteste Unterschied zum Hallenhandball?
Im Beachhandball brauchst du eine extrem gute Entscheidungsfähigkeit. Du musst vor allem die Überzahlsituationen clever ausspielen. Und das in noch kürzeren Zeitabständen. Wenn Du auf der Außenposition gerade in der Pirouette bist und da kommt ein guter Block, musst Du einfach in der Bewegung noch entscheiden: spiele ich den Ball noch einmal eine Position weiter oder werfe ich. Dann ist in der Halle die Kraft ein sehr wichtiger Faktor, während beim Beach Motorik und Beweglichkeit gefragt sind. Du musst dich in der Luft drehen können und danach noch wissen, wo du bist und wo du hinwerfen musst.

Die Disziplin ist ja noch relativ jung. Wie kamen Sie zum Beachhandball?
Bereits in der E-Jugend habe ich beim großen Turnier in Cuxhaven gespielt, wo bis heute noch jährlich die Niedersachsenmeisterschaft ausgetragen wird. Da habe ich auch das erste Sieger-T-Shirt bekommen, woraus mittlerweile eine ganz Sammlung wurde. Ab der B-Jugend haben wir das auch in der athletischen Vorbereitung genutzt, weil es im Sand deutlich anstrengender ist zu laufen. Später kam mein Vater (Jörn Franke, d. Red.) auf die Idee, bei Männerturnieren mitzuspielen, dann folgten Qualifikationsturniere für die deutsche Meisterschaft. 2014 wurden dann in Wildeshausen die German Open ausgerichtet. Dort haben Maurice und Yannick Dräger eine Wildcard bekommen und eine Mannschaft mit alten Kumpeln zusammengestellt – unter anderem mit mir –, die dann überraschend inoffizieller deutscher Meister wurde. Danach durften wir zum Champions-Cup nach Gran Canaria zu fahren, was ein tolles Erlebnis war. Das war die Geburtsstunde der „Nordlichter“. Mittlerweile wird Beachhandball auch wieder offiziell vom DHB unterstützt und wir haben bei den bislang fünf deutschen Meisterschaften immer mindestens das Halbfinale erreicht und von Platz eins bis vier alles schon belegt. Im vergangenen Jahr haben wir bei Europäischen Beach-Tour mit nur sieben Spielern einen guten siebten Platz belegt.

Wie bilden Sie ihre Schützlinge aus? Gibt es für Sie so etwas wie ein Leitmotiv?
Definitiv, ist aber auf die Schnelle schwer zu beschreiben, denn das entwickelt sich im Laufe der Jahre. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Technik, da steht die individuelle Ausbildung im Vordergrund. Darauf kann man dann das Zusammenspiel deutlich leichter aufbauen. Zum Beispiel beim Kempa, da müssen beide Handelnde das Timing hinbekommen. Beachhandball ist nicht so extrem von der Taktik geprägt, auch wenn man schon variiert. Spielt man mit vier Leuten im Rückraum, stellt man den Spezialisten auf die Seite, oder in die Mitte – da gibt es durchaus Alternativen. Aber vom Prinzip her geht sehr viel über die Entscheidungsfindung.

Ihre Mission als Nationaltrainer ist mit der Europameisterschaft beendet. Wie geht es beim Deutschen Handball-Bund für sie jetzt weiter?
Es sieht bislang ganz gut aus, noch ist aber nichts entschieden. Ich habe die Hoffnung, mit der kommenden U16-Mannschaft auch wieder zur Europameisterschaft zu fahren. Da steht im Herbst die extrem wichtige Sichtung des 2004er-Jahrgangs auf dem Programm. Die Spieler sind in sechs, sieben Jahren 22. Wenn Beachhandball olympisch werden sollte, und wir 2024 eine Beachhandballmannschaft haben sollten, ist das ein Top-Jahrgang. Es gibt im Handball-Sektor kaum einfachere Wege zu den Olympischen Spielen. Das ist für alle sehr reizvoll.

Kollidiert das nicht mit ihrem Engagement als Spielertrainer beim Oberligisten HC Bremen und als Jugendtrainer im Verein?
Ich bin froh, dass wir unser Trainerteam erweitern konnten. Mit Björn Wolken als Co-Trainer habe ich bei den Herren Entlastung, wenn ich durch das Beachen, unter anderem mit der B-Jugend und der Bremer Auswahl, woanders eingebunden bin. Ich habe bisher noch nie in einem Spiel gefehlt, das dürfte relativ unproblematisch sein, zumal sich die Hauptsaison Beach und die Hauptsaison Halle nicht überschneiden.

Mit 24 Jahren sind Sie noch voll im Saft. Wie sieht es mit Ihrer aktiven Laufbahn aus?
Prinzipiell möchte ich schon, so lange es geht, auf gutem Niveau Handball spielen. Egal, ob beim HC Bremen, oder im Beachhandball mit den Nordlichtern. Ich merke, dass ich recht früh im Leistungsport war und sehr viel trainiert habe, Von daher weiß ich nicht, wie viele Jahre ich wirklich noch gut spielen kann. Aber so lange ich mich noch gut fühle, will ich auf jeden Fall noch selber aktiv sein. Für die Trainerkarriere habe ich noch genügend Jahre danach, auf die ich mich dann konzentrieren kann. Auf jeden Fall glaube ich, dass ich bisher schon den einen oder anderen ganz guten Schritt in Sachen Trainerkarriere gemacht, das wird mittelfristig dann sicherlich auch der Schwerpunkt sein. Zurzeit konzentriere ich mich aber voll und ganz auf meine Handballerkarriere, und ich glaube, wir sind da beim HC Bremen auf einem guten Weg.

Wo liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit beim HC Bremen?
Ganz klar bei der Ausbildung der Jugend. Aber wenn ich mir jetzt unsere Mannschaft anschaue, dann ist das auch Anschlussförderung. Bei den 18-, 19- und 20-Jährigen, die wir in der Mannschaft haben, ist das der Altersbereich, wo man durchaus noch einige Entwicklungsschritte machen kann. Nichtsdestotrotz wollen wir natürlich mit der ersten Herrenmannschaft möglichst erfolgreich sein.

Sie haben ja bereits sehr früh in der dritten Liga gespielt. Warum ging es dann sportlich nicht noch weiter nach oben?
Es gab einfach keinen Zweitligisten in der Nähe und ich war als Student hier ansässig. Von Dötlingen bis Aurich waren es 108 Kilometer und später dann von Bremen nach Aurich 130 Kilometer zum Training, das vier- bis fünf Mal die Woche. Da reißt Du schon einiges an Kilometern ab. Ich habe es keine Sekunde bereut, aber der Aufwand war schon sehr groß und hat an einem gezehrt. Es hat mir Riesenspaß gemacht. Ich hatte tolle Mannschaftskollegen, mit Arek Blacha einen Trainer, den ich sehr schätze. Doch in dem Jahr war der HC Bremen gerade in die Verbandsliga aufgestiegen und der nächste Schritt in die Oberliga sollte folgen, wie es dann ja auch kam. Das war ein sehr reizvolles Projekt, so etwas wie ein Leitwolf zu sein und letztlich war es auch eine Herzensangelegenheit.

Was treibt Sie persönlich an?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Vielleicht kenne ich es aber auch einfach gar nicht anders. Mein Vater, meine Familie haben mir das vorgelebt. Wir sind eine handballverrückte Familie. Und ich habe jetzt noch nie gedacht, puh – das ist jetzt alles viel zu viel. Sicherlich gibt es Wochenenden, da denke ich, ein Spiel weniger würde auch nicht schaden, aber man bekommt auch sehr viel Wertschätzung im Verein, sei es von den Eltern der Jugendlichen oder von den Spielern selbst. Das wiegt das auf jeden Fall auf.

Welche Erfolge waren für Sie am wichtigsten?
Was mir persönlich extrem viel bedeutet hat, war meine Auszeichnung und die folgende Einladung zum Deutschen Handball-Bund 2008, dass ich dort bei der DHB-Sichtung ins Allstar-Team gewählt wurde. Und zwar gar nicht einmal so sehr, weil ich es damit unter die besten 30 in Deutschland geschafft habe. Ich war nach meiner ersten Knieverletzung, die ich mit 14 bekommen habe, 14 Monate raus. Hatte Knorpel- , Kreuzband- und Außenmeniskusverletzungen in einem. Zwei Wochen vorher hatte ich gerade wieder mein erstes Handballspiel in Nordhorn gemacht. Dass ich es dann trotzdem geschafft habe, war für mich eines der größten Highlights. Höhepunkte waren auch mein erstes Länderspiel gegen Tunesien und die deutsche Meisterschaft der Schulen bei Jugend trainiert für Olympia mit der Ronzelenstraße, wo wir praktisch mit unserer damaligen Hastedter B-Jugend aufgelaufen waren. Im Finale haben wir dann Fabian Wiede (späterer Herren-Nationalspieler, d. Red.) geschlagen.
Steckt bei Ihrer Lust am Handballspielen und auf den Trainerjob nicht auch eine Menge von ihrem Vater Jörn Franke drin, der selber seit Jahrzehnten ein erfolgreicher Trainer ist?
Definitiv. Wenn ich darauf schaue, was ich heute für ein Trainer bin, hängt das sicherlich zu 60 Prozent an meinem Vater, zu 30 Prozent an Arek Blacha und zu zehn Prozent an irgendwelchen anderen Einflüssen. Die beiden haben mir schon sehr viel mitgegeben.

Handball war und ist im Hause Franke dann sicherlich das Topthema?
Seitdem ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne, ist das wieder verstärkt so, weil wir uns jetzt nicht mehr jeden Tag sehen. Zuhause hat mein Vater aber immer sehr viel Wert darauf gelegt, auch andere Sachen anzusprechen. Seien es andere Sportarten, aber eben auch kulturelle Themen. Meine Eltern haben mich als Kind auch Musikinstrumente spielen lassen. Ich war davon zwar nie der ganz große Fan, aber heute bin ich sehr froh, dass ich Blockflöte und Klavier spielen kann. Wichtig war, dass man von allem ein bisschen mitnimmt und nicht so ein Fachidiot im Handball ist, auch wenn der Schwerpunkt meines Leben nun einmal mit Handball zu tun hatte. Ich habe sehr viel mitbekommen und dafür bin ich dankbar.

Das Interview führte Rainer Jüttner.

Marten Franke (24)
studiert Wirtschaftsingenieurwesen und arbeitet gerade an seiner Masterarbeit. Der gebürtige Dötlinger wohnt in Findorff. Hallenhandball spielte der ehemalige Jugendnationalspieler bis zur A-Jugend beim Hastedter TSV. Parallel dazu folgten Drittliga-Engagements beim VfL Edewecht und später dann beim OHV Aurich. Danach kehrte er zum HC Bremen zurück und führt das Oberliga-Team als Spielertrainer. Zudem betreut er dort auch die B-Jugend. Seit der E-Jugend spielt er auch Beachhandball, wurde unter anderem mit dem Team „Nordlichter“ Deutscher Meister und ist seit Anfang des Jahres Trainer der deutschen U17-Nationalmannschaft, mit der er kürzlich Neunter bei der Europameisterschaft wurde.

Nächste Spieltermine

 

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