Fortsetzen der Saison unwahrscheinlich
Handball-Oberligisten trainieren wegen Virus individuell – Notfalls entscheidet Verband über Auf- und Abstieg

Bremen. Radek Lewicki war im Baumarkt und hat sich dort mit Farbe und anderen Utensilien eingedeckt. „Ich habe zum Glück eine Terrasse mit einem kleinen Garten. Da kann ich alles sauber machen und die Gartenmöbel streichen“, verrät der Handball-Trainer des Frauen-Oberligisten SV Werder Bremen II seine nächsten Projekte. Fünf Wochen Spielpause am Stück, das kennen er und seine Trainerkollegen Matthias Ruckh (ATSV Habenhausen), Marten Franke (HC Bremen) und Corinna Wannmacher (SG Findorff) nur aus der Sommerpause. Jetzt stellt der Coronavirus alle Regeln der menschlichen Interaktion auf den Kopf; die Handballverbände Bremen (BHV) und Niedersachsen (HVN) reagierten und setzen sämtliche Punktspiele bis zum 19. April aus. Die beiden Verbände empfahlen ihren Handballern dabei auch, das Training einzustellen. Der Großteil könnte ohnehin nichts machen, da mit den Schulen auch die öffentlichen Hallen geschlossen sind. Selbst beim SV Werder hat das Geschäftsführende Präsidium verfügt, dass das Training in den vereinseigenen Hallen vorerst bis mindestens 30. März eingestellt wird. „Wir nehmen das Risiko sehr ernst“, betont Radek Lewicki. „Meine Spielerinnen halten sich individuell fit, wir kontaktieren uns über WhatsApp.“

Die Hallen des ATSV Habenhausen sind bis zum 14. April geschlossen, derweil halten sich die Oberliga-Männer von Trainer Matthias Ruckh ebenfalls individuell fit. „Sie sollen nichts gemeinsam machen und nicht ins Fitnessstudio gehen“, betont der Coach. Sein großer Vorteil ist, dass er in seinem Übungsbetrieb in dieser Saison dank der Zusammenarbeit mit „Cornamix Athletes Box“ aus Oberneuland ein neues Element in der Trainingssteuerung eingebaut hat. Alle Spieler tragen im Training einen Brustgurt, der die Herzfrequenz misst und diese dem ATSV-Coach in Echtzeit auf einem Tablet anzeigt. Dadurch kann er die Belastung eines jeden Spielers individuell anpassen. Jetzt kommt ihm der Brustgurt zusätzlich zugute, da ihm die individuellen Trainingswerte seiner Spieler automatisch und bequem per Lauf-App im Handy via Internet nach Hause geschickt werden. Und das Fitbleiben ist ja gerade bei den Blau-Weißen besonders wichtig, da sie die Tabelle punktgleich mit dem TV Cloppenburg anführen. Es geht für sie um das einzige Ticket zur dritten Liga. Deshalb bleibt Matthias Ruckh mit seinem Verein und dem Teammanagement in Kontakt, um frühzeitig auf neue Situationen reagieren zu können.

Aber was ist, wenn der Virus Mitte April ähnlich grassiert wie jetzt, wenn dessen Verbreitung weiterhin mit den gleichen Methoden wie jetzt gebremst werden soll? „Die Befürchtung ist natürlich da, wir können nur abwarten“, sagt Jens Schoof, Vizepräsident Spieltechnik im BHV und HVN. Fraglich bleibt ohnehin, ob nach der Zwangspause überhaupt die Menge an Spielen (allein in der Oberliga mindestens sechs pro Team) angesichts begrenzter Hallenzeiten und des ohnehin schon bestehenden Schiedsrichterproblems nachgeholt werden kann. „Bei all den Anforderungen unserer Sportart an Kondition, Kraft, Stabilität und Geschwindigkeit kann man ja auch nicht gleich wieder von Null auf Hundert loslegen“, gibt Radek Lewicki zusätzlich zu bedenken. „Außerdem geht es um die Planungssicherheit für die Mannschaften“, ergänzt Matthias Ruckh. „Wenn zum Beispiel der Drittliga-Aufstieg erst zum Ende des Spieljahres am 30. Juni feststünde, gleicht das hinsichtlich einer Kaderzusammenstellung für die Zukunft einem Husarenritt.“ Er glaubt nicht, dass die Saison fortgeführt wird, er weiß aber auch nicht, wie der Gordische Knoten durchtrennt werden kann. „Die Saison zur Makulatur zu erklären und alles so zu lassen, wie es ist, wäre jedoch der Hammer“, sagt er.

Radek Lewicki hat mit dem SV Werder II bei fünf Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter BV Garrel nur theoretische Chancen auf den Drittliga-Aufstieg. Angeregt von den Gerüchten rund um die Fußball-Bundesliga schlägt er vor, dass in der Oberliga die Teams aus den engen Spitzengruppen aufsteigen sollen, die sich die höhere Liga zutrauen. Schließlich handele es sich ja um eine Leistungsklasse. Außerdem sollte es in den Ligen darüber keine Absteiger geben; es sei denn, dass Mannschaften freiwillig absteigen wollen. „Man stockt die Ligen notfalls auf und gleicht das mit der entsprechenden Zahl an Absteigern ein Jahr später wieder aus“, sagt er.

Interessant dürfte auf jeden Fall der Paragraf 52 der Spielordnung des BHV und des HVN werden, laut dem – grob erklärt – die spielleitende Stelle die Sieger, Auf- oder Absteiger benennen kann, wenn diese nicht termingerecht für die nächste Saison ermittelt werden können. Dazu sind sportliche Gesichtspunkte heranzuziehen. Der Hessische Handballverband hat bereits eine Entscheidung gefällt und die Saison für seine Spielklassen auf allen Ebenen zum 13. März beendet. Alle Auf- und Abstiege zur und für die Spielrunde 2020/21 werden nach dem Tabellenstand der jeweiligen Spielklasse vom 13. März gewertet, was bei einigen Rechtsexperten zu diesem frühen Zeitpunkt durchaus als kritisch hinsichtlich gerichtlicher Überprüfungen angesehen wird. Übernähmen der BHV und der HVN diese Entscheidung, dann dürfte sich der ATSV Habenhausen in der Männer-Oberliga über den Aufstieg in dritte Liga freuen, und der TV Cloppenburg guckte in die Röhre.

Klarheit über das weitere Vorgehen wird es wohl frühestens am Mittwoch, 18. März, geben, wenn das Präsidium des HVN wieder tagt. Absprachen mit dem DHB und anderen Landesverbänden dürften jedoch wahrscheinlich sein. Ruhe und Bedacht sind bei der Lösungsfindung auf jeden Fall mehr als angemessen, schließlich betritt beim Thema Coronavirus nicht nur der Handballsport abso­lutes Neuland.

Spielertrainer Marten Franke vom HC Bremen sieht die Chancen, dass die Saison tatsächlich noch – wie auch immer – sportlich zu Ende gespielt wird, als höchst unwahrscheinlich an. „Ich vermute, dass die Saison nicht wieder aufgenommen wird, und ich sehe auch kaum Möglichkeiten, dass die noch offenen Partien bis zum Sommer noch irgendwie nachgeholt werden können“, sagt der 25-Jährige. Dass die Entscheidung der Verbände in dieser schwierigen Situation sinnvoll war, steht für ihn außer Frage. Natürlich hätten er und seine Mannschaft lieber gespielt, doch letztlich stehen die Hastedter als Siebter mit 21:19 Punkten ohnehin im gesicherten Niemandsland der Tabelle. „Für uns stehen keine großartig entscheidenden Spiele mehr an. Auf- oder Abstiegsfragen betreffen uns nicht, darum können wir relativ entspannt abwarten, was passiert“, sagt Franke.

Da natürlich auch beim HC Bremen das gemeinschaftliche Training ruht, bleiben ihm und seinen Mitspielern nur wenige, individuelle Möglichkeiten, sich einigermaßen fit zu halten – falls es denn doch noch weitergehen sollte. „Wir wollen positiv denken und haben jedem Spieler seien Hausaufgabenzettel mit Laufeinheiten mitgegeben, und jeder soll für sich und soweit es möglich ist an der Athletik arbeiten“, so Franke. Die eventuellen Entscheidungen des Verbandes sieht er so oder so problematisch. „Es wird wohl in jeder Liga zu Ungerechtigkeiten kommen, und irgendeine Mannschaft wird sich wohl immer benachteiligt fühlen“, sagt er.

Für den Handball-Abteilungsleiter der SG Findorff, Rainer Langhorst, steht fest, dass es eine ernsthafte Herausforderung ist, die weit über die Grenzen des Sports hinausreicht: „Der gesamte Alltag in der Stadt, in der Familie, im Beruf und nun auch im Sport wird aktuell vor eine große Prüfung gestellt“, konstatiert er. „Alle sind gefordert, bei den inzwischen hohen Fallzahlen sind die Maßnahmen auch angemessen.“ In Panik verfallen Sportlerinnen und Sportler sowie die Funktionäre der „Füchse“ allerdings nicht: „Alles wird vernünftig und in Ruhe bewertet“, betont Langhorst.

Für Trainerin Corinna Wannmacher steht die Arbeit mit ihren abstiegsgefährdeten Oberliga-Spielerinnen in den kommenden Wochen zunächst im Hintergrund. „Die allgemein bekannten Hinweise sind an alle Verantwortlichen weitergereicht worden“, versichert sie, „gleichzeitig werden die Maßnahmen an die Aktiven weiter vermittelt“. Alle Sportler bei der SG Findorff gingen nach ihrer Einschätzung „sehr verantwortungsbewusst und in Eigendynamik damit um“. Aktuell hätten alle eine mehrwöchige Zwangspause, „da stellt sich diese Frage nicht“, sagt die Trainerin. „Der Rhythmus sei zwar gestört“, verdeutlicht sie. „Aber bei Gefährdung der allgemeinen Gesundheit ist das nicht relevant, die Priorität ist aktuell eine andere.“

Zunächst sollte der Trainingsbetrieb lediglich vereinzelt mit klaren Vorgaben und Schutzmaßnahmen in den Seniorenmannschaften fortgesetzt werden – doch aufgrund der immer dynamischer verlaufenden Ausbreitung der Pandemie ist das mittlerweile kein Thema mehr: „Es gibt keine Ausnahmen“, betont Langhorst, „unser Vorstand hat beschlossen, dass bis auf weiteres der komplette Trainingsbetrieb eingestellt wird.“ Diese Vorgabe gelte für sämtliche Abteilungen und alle der rund 3 200 Mitglieder. Die finanziellen Einbußen seien dabei nicht bedeutend, so Langhorst weiter. „Wir bleiben bescheiden, unsere Eintrittspreise in der Oberliga liegen sowieso weit unter Durchschnitt.“

Nächste Spieltermine

 

20:00
1. Herren

HC Bremen — SG VTB/Altjuehrden

9:00
D-Jugend

ATSV Habenhausen — HC Bremen

16:00
B-Jugend

HC Bremen — TV Bissendorf

19:30
1. Herren

HC Bremen — TSG Hatten-Sandkrug

13:30
B-Jugend 2

HV Lueneburg — HC Bremen