Hastedter TSV: Das Ende eines Bremer Traditionsvereins
Der Hastedter TSV ist pleite

von Jörg Niemeyer

Der 157 Jahre alte Klub stellt am kommenden Montag den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Er kann die laufenden Kosten für die vereinseigene, renovierte Halle nicht mehr tragen.

In seinen 83 Lebensjahren dürfte Günther Müller so manch schweren Gang gegangen sein – der bislang schwerste allerdings steht ihm nun unmittelbar bevor. Am kommenden Montag wird der langjährige erste Vorsitzende des Hastedter TSV zum Amtsgericht gehen, um dort den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen. Dem 1861 gegründeten Verein droht nach 157 Jahren das Ende. „Das ist furchtbar, das tut weh“, sagt Müller, der zeitlebens seinem Verein die Treue gehalten hat.
Am 30. August 1947 schlossen sich der Arbeiter-Klub TV Vorwärts Hastedt, in dem Müller als Kind Fußball gespielt hatte, und der bürgerliche Hastedter MTV zum Hastedter TSV zusammen. Dass es den HTSV noch lange geben wird, ist angesichts der Probleme unwahrscheinlich. „Wir können die Kosten für die Halle nicht mehr aufbringen“, sagt Müller. Mitte Oktober werde der Verein zahlungsfähig sein, am Ende des Jahres werde sich das Minus „auf 30 bis 40 000 Euro belaufen“. Selbst ein Kredit zur Überbrückung würde nicht helfen, da jedes weitere Jahr mit einem ähnlichen Verlust enden würde. „Mit 1000 Mitgliedern war das noch zu wuppen, aber nicht mehr mit 570.“

Halle befindet sich in einem Topzustand

Insbesondere der Wechsel der Fußballer zum BSC Hastedt im Jahr 2014 und der spürbare Mitgliederschwund in der Turnabteilung haben den HTSV viele Einnahmen gekostet. Bei Beiträgen von 13,50 Euro für Erwachsene und acht Euro für Kinder und Jugendliche (Stand vor einer Erhöhung zum 1. Juli) bedeuteten etwa 400 Mitglieder weniger zugleich einen Euro-Betrag im mittleren fünfstelligen Bereich weniger. Und noch etwas belastet die Vereinskasse extrem: Die tatsächlichen Kosten für eine Hallenstunde, so Müller, betrögen etwa 26 Euro, während das Anmieten einer Halle über den Landessportbund weniger als fünf Euro koste. Da ist der Verein, der eine eigene Halle unterhalten muss, zumindest finanziell im Vergleich zu Vereinen ohne Halleneigentum im Nachteil.

Die mögliche Insolvenz ist auch deshalb besonders bitter, weil sich „die Halle in einem Topzustand befindet“, wie Müller betont. Die Tragik daran: Den Topzustand des etwa 30 Jahre alten Gebäudes hat der Verein mit Renovierungsmaßnahmen herbeigeführt, deren Kosten er nun nicht mehr tragen kann. Neues Dach, neue LED-Beleuchtungsanlage, neue und auf Erdgas umgestellte Heizung, neue Hebepumpe (weil sich die Abflüsse unter Kanalniveau befinden): Der Bau am Jakobsberg ganz in der Nähe des Osterdeichs sei 3,5 Millionen Euro wert, sagt Müller.
Die Vermögensmasse, die damit eigentlich vorhanden sei, könne jedoch für eine Beleihung nicht herangezogen werden, weil Grund und Boden im bremischen Besitz seien und nur Halle sowie Vereinsgaststätte und Geschäftststelle dem HTSV gehörten. Ohne Grund und Boden fehle dem Verein für Kredite aber die Sicherheit, wie er auch bei der Anschaffung der Hebepumpe für 15.000 feststellen musste. „Keine Bank wollte sie finanzieren“, sagt Müller. Irgendwie schaffte es der HTSV dann selbst.
Schließlich schlug auch der Versuch des Klubs fehl, die Halle an die Stadt zu übergeben. Dann wäre der HTSV seine Verbindlichkeiten losgeworden und hätte möglicherweise die Halle von der Stadt zu üblichen Konditionen anmieten können. Kurios: Genau das könnte jetzt passieren, denn wie Bernd Schneider, der Sprecher von Sportsenatorin Anja Stahmann (Die Grünen), mitteilt, „ist das Sportressort in die Bürgschaft für die Halle eingetreten“. „Irrsinnig“, sagt Müller, „jetzt geht die Halle ans Sportamt.“ Mieter, so beispielsweise wie bisher das Bremer Bildungsressort für vier Schulen, dürfte es auch weiterhin geben – nur nicht den Hastedter TSV.

Eine neue sportliche Heimat

Wie geht es nun weiter? Formal werde, so sagt die Sprecherin des Bremer Amtsgerichts Cosima Freter, nach dem Antrag des HTSV erst einmal ein vorläufiges Insolvenzverfahren eingeleitet, in dem geprüft wird, ob ein Insolvenzverfahren überhaupt Sinn macht. Und wie geht es für die Mitglieder weiter? „Der Sportbetrieb kann erst einmal weiterlaufen“, sagt Günther Müller. Auch Ralf Fricke geht davon aus, dass die Halle offen bleibt.
Er ist Vorsitzender des HC Bremen, der mit dem Hastedter TSV eine Handball-Spielgemeinschaft eingegangen ist und finanziell für den HTSV bereits in die Bresche gesprungen ist. Vertraglich hätte der HC eigentlich nur für die Bundesliga-A-Jugend aufkommen müssen, aber inzwischen hat er für den HTSV auch die Meldegelder, Verbandsabgaben und Schiedsrichterkosten für alle anderen Mannschaften übernommen.
„Wichtig ist, dass wir den Spielbetrieb am Leben halten und nun zusätzliche Sponsoren finden“, sagt Fricke. Er ist zuversichtlich, dass das auch klappen wird. Die bisherigen HTSV-Handballer werden ab 1. Januar 2019 ihre Beiträge beim HC Bremen entrichten. Der Klub sei, so Fricke, auch bereit, den Turnern und Badmintonspielern des HTSV eine neue sportliche Heimat zu bieten.

Reichlich Bedauern

Derzeit scheint nur die künftige Nutzung der Halle ungewiss. Aber warum sollte, ein gutes halbes Jahr vor den Bürgerschaftswahlen, die Stadt eine Sportstätte in Topzustand leer stehen lassen, wenn nach wie vor der Hallenbedarf von vier Schulen und vielen ehemaligen HTSV-Mitgliedern zu befriedigen ist? Man darf gespannt sein, wie es ab Montag nach dem Gang von Günther Müller zum Amtsgericht weitergeht. Bedauern über das mögliche Ende des Hastedter TSV gibt es schon jetzt reichlich.
„Er ist ja wirklich traditionsreich, war frauenpolitisch fortschrittlich und vor allem in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts politisch sehr aktiv“, sagt Sportbehörden-Sprecher Schneider. „Es ist traurig“, sagt HC-Chef Fricke, „Günther Müller tut mir sehr leid.“ Und der HTSV-Vorsitzende? Der denkt auch in der schwersten Stunde an die Mitglieder. „Wir müssen eine Lösung finden, dass sie vernünftig weitermachen können“, sagt der 83-Jährige.

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