mJA: „Der Standort hat seinen Charme“
Tim Schulenberg ist Handballtrainer bei den Bundesliga-A-Junioren des HC Bremen. Im Interview spricht er über professionelle Talentförderung und die Bremer Entwicklungschancen.

Herr Schulenberg, Sie coachen seit drei Jahren die Bundesliga-A-Junioren des HC Bremen. Inwieweit profitiert der Bremer Handballverband dabei von ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Lehrer an der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße und Auswahltrainer im Bremer Handball-Verband?

Tim Schulenberg: Es ist schon ein Vorteil. Vom Kader des letzten Jahres waren allein Zweidrittel der Spieler auch Schüler an der Ronzelenstraße. Und durch die Auswahlmannschaften kenne ich natürlich die besten Spieler des Landesverbandes.

Die Sie inzwischen beim HC Bremen um sich geschart haben…
Ja, denn im Sinne einer Leistungsorientierung ist eine Konzentration der Talente zwingend notwendig.

Als Sie vor drei Jahren angeregt haben, die Anschlussförderung der Auswahlspieler zu reformieren und die leistungsstärksten Spieler des Verbandes in einem A-Jugend-Team zu bündeln, hat das für Diskussionen gesorgt.
Ich glaube aber immer noch, dass es der logische Schritt war, die leistungsorientierten Talente zusammenzuführen. Am Anfang war der Gegenwind spürbar, inzwischen hat sich die Stimmung aber gewandelt. Die bisherige Arbeit und die Ergebnisse sprechen für sich.

Der HC Bremen wirbt also nicht die Spieler ab?
Die Spieler gehen dahin, wo sie für sich die Chance sehen, sich weiterzuentwickeln. Ich würde es fahrlässig finden, wenn man diesen Spielern diesen Weg nicht ermöglicht.

Trotzdem ist es für einen abgebenden Verein immer schmerzhaft, ein Talent ziehen zu lassen.
Das kann ich auch gut nachvollziehen. Aber man muss auch festhalten, dass diese Spieler eine andere, eine leistungssportliche Perspektive haben. Was dabei herauskommen kann, sieht man jetzt an Miro Schluroff, der zu den Füchsen nach Berlin wechselt. Er ist ein Beispiel – und ich bin mir sicher, dass in Zukunft noch der eine oder andere Spieler aus Bremen irgendwo im höherklassigen Bereich aufhorchen lassen wird.

Irgendwo, aber nicht in Bremen. Ist es nicht frustrierend, Jahr für Jahr Talente zu entwickeln, die dann aufgrund fehlender Perspektive woanders hingehen?
Aber sollten wir deshalb von vornherein die Segel streichen? Im Verbund mit dem Verband wollen wir diesen 18 Jungs die Chance geben, hier A-Jugend-Bundesliga zu spielen. Wir wollen ihnen nicht sagen, wenn du etwas werden möchtest, musst du aus Bremen weggehen. Ich bin hier nicht als Totengräber angetreten. Ich habe den Ehrgeiz, es so voranzutreiben, dass es noch mehr Früchte trägt. Es muss weiterhin möglich sein, in Bremen leistungssportlich zu trainieren.

Ist das für den Standort Bremen ohne Leistungszentrum oder Sportinternat nicht ein eher schwieriges Unterfangen?
Der Standort hat auch seinen Charme, wir haben ein gutes Standing. Wir sind hier im Nordwesten ganz gut gelegen und haben einen großen Einzugsbereich. Was sich hier in den vergangenen vier, fünf Jahren in der Kooperation Verband/Schule/Vereine entwickelt hat, muss den Vergleich mit anderen Standorten nicht scheuen.

Das klingt sehr selbstbewusst.
Der Vorteil ist einfach, dass die Spieler in ihrem sozialen Umfeld leben und wohnortnah zur Schule gehen und trainieren können. Nicht umsonst haben sich aktuell vier meiner Spieler gegen Anfragen aus Leistungszentren wie Großwallstadt und Lemgo und für einen Verbleib in Bremen entschieden. Sie wollen hier ihren Weg gehen. Das spricht doch für die Qualität, die wir hier anbieten. Natürlich ist es aber zwingend notwendig, dass wir die Strukturen weiter professionalisieren.

Täuscht der Eindruck oder ist die Zahl der Nachwuchshandballer, die das Sportprofil an der Ronzelenstraße anwählen, in den vergangenen Jahren gestiegen?
Die Anzahl ist tatsächlich deutlich gestiegen. Und ich muss sagen: richtigerweise.

Warum?
Aus meiner Sicht funktioniert die Förderung durch einen Landesverband besser, wenn alles in einer Hand liegt und entsprechend begleitet wird.

Wie sieht diese Förderung an der Schule aus?
Durch das zweimal wöchentlich stattfindende Frühtraining des Bremer Handballverbandes bieten wir den Talenten ein Mehr an Training, ein qualifiziertes, ein intensives Training, das systematisch aufgebaut ist. Zwingende Vorgabe ist dabei die Rahmentrainingskonzeption des Deutschen Handball-Bundes. Wir haben feststehende Trainingspläne für das ganze Jahr. Die Inhalte werden in einer Datenbank dokumentiert. Und wir bieten im Verbundsystem Leistungssport auch eine schulische Laufbahnberatung an.

Was heißt das konkret?
Eine externe Mentorin begleitet die Schüler in den Klassen 9 und 10. In dem Alter entscheidet sich, wie es weitergehen soll. Abitur? Ausbildung? Was willst du als Sportler erreichen? Wie ist die Perspektive? Das ist die Fragestellung. Leistungssport geht nur aus dir selbst heraus. Die Schüler müssen für sich selbst entscheiden, ob sie den nächsten Schritt gehen und Leistungssport machen wollen – mit allen Konsequenzen.

Wie schaffen Sie es, das Frühtraining für die verschiedenen Jahrgänge zu gestalten?
Ich bin ja nicht alleine. Inzwischen sind acht Trainer im Frühtraining des Verbandes für die Klassen 5 bis 13 im Einsatz. Das ist auch nötig, denn zurzeit haben wir 85 Handballer an der Schule. Werders Frauentrainer Dominic Buttig beispielsweise unterstützt uns im weiblichen Bereich. Und Werders Leichtathletik-Trainer Leszek Kass etwa ist als Experte für den Athletikbereich dabei.

Stoßen Sie nicht trotzdem an Grenzen?
Ja, das merken wir schon. Wenn die Jungs und Mädels 50 Wochenstunden und mehr absolvieren müssen, ist die Belastung enorm. Und deshalb arbeiten wir mit anderen Partnern auch daran, ein Haus der Athleten aufzubauen. Ich hoffe, dass es funktioniert. Dass auch andere den Vorteil darin erkennen. Zu sagen, wir haben hier keinen Bundesligisten, ist für mich kein K.o.-Kriterium. Trotzdem wird es notwendig sein, irgendwann mindestens einen Drittligisten in Bremen zu haben.

Als Auffangbecken für Spieler, die nicht gut genug sind für die Erste oder Zweite Liga?
Wir haben ja jedes Jahr einen gewissen Output an Spielern, die aus der Jugend kommen. Vereine wie Habenhausen, Schwanewede und der HC profitieren schon seit Jahren davon, dass Spieler dorthin zurückgehen. Ich glaube, dass es sich automatisch so entwickeln wird, dass sich ein Verein perspektivisch in der Dritten Liga festsetzen wird.

Was müsste passieren, damit ein Bremer Team das dauerhaft schafft?
Dazu müsste man es schaffen, Kräfte zu bündeln. Eine gemeinsame Grundausrichtung wäre wichtig. Dann könnte es funktionieren. Bei den Damen haben wir mit Werder einen Zweitligisten, das ist ein Riesenvorteil, weil es jungen Spielerinnen eine Perspektive bietet. So etwas bräuchten wir für den männlichen Bereich auch.

Eine Zweitligamannschaft im Herrenbereich?
Man bemüht ja gerne die Vergangenheit und die Handballgeschichte, die wir in Grambke hatten. Es gibt schon eine Handballbegeisterung hier – und das Potenzial ist auch da. Aber es ist auch eine finanzielle Frage. Man muss es schaffen, ein schlüssiges Konzept zu entwickeln, sodass mögliche Partner und Sponsoren sagen, ja, das unterstützen wir.

Fehlt es also nur an Personen, die vorangehen und eine solche Idee auf den Weg bringen?
Womöglich ja. Warum versucht man es nicht einfach? Ich glaube, wir haben hier im Jugendbereich was richtig Gutes. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich auf dieser Basis auch im Herrenbereich etwas entwickeln wird.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Zur Person
Tim Schulenberg (35) arbeitet seit 2014 im Lehrer-Trainer-Modell an der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße und als Auswahltrainer für den Bremer Handballverband. Darüber hinaus coacht der in Dötlingen heimische A-Lizenz-Inhaber seit 2016 den A-Jugend-Bundesligisten HC Bremen. Schulenberg ist liiert und hat eine kleine Tochter.

Zur Sache
Neues Team, neue Ligastruktur

Mit einem 18er-Kader hat die A-Jugend des HC Bremen die Vorbereitung auf die neue Saison in der Handball-Bundesliga aufgenommen. Ge­genüber dem Vorjahresaufgebot sind neun Spieler neu dabei; acht Akteure rückten aus der eigenen B-Jugend auf, einziger externer Neuzugang ist Kreisläufer Etienne Steffens. Der ehemalige Bremer Auswahlspieler lebte zuletzt im Handball-Internat Hildesheim, wo er gerade sein Abitur gemacht hat, und kehrt nun nach Bremen zurück. Trainiert wird das Team weiterhin von Tim Schulenberg (35), der jetzt in seine vierte Saison geht. Unterstützt wird der A-Lizenz-Inhaber wie bisher von Torwarttrainer Timo Hermann, Physiotherapeut Michael Günther, Mannschaftsarzt Matthias Muschol und Manager Ralf Fricke.

Komplett neu ist die Ligastruktur. Künftig spielen nur 40 statt zuvor 48 Teams bundesweit in vier Staffeln. In jeder Zehner-Staffel wird zunächst eine einfache Runde ausgetragen. Die jeweils besten vier Mannschaften der vier Gruppen spielen im Anschluss in zwei Achter-Gruppen in Hin- und Rückrunde die Teilnehmer für die K.o.-Phase um die Deutsche Meisterschaft mit Viertelfinale, Halbfinale und Endspiel aus. Die Teams auf den Rängen fünf bis zehn der ursprünglichen Staffeln bestreiten noch eine Sechser-Runde mit Hin- und Rückspiel. Die beiden Erstplatzierten dieser vier Sechsergruppen qualifizieren sich für den Deutschlandpokal und spielen dort vier Mannschaften aus, die sich die direkte Bundesliga-Qualifikation für die Folgesaison sichern.

Nächste Spieltermine

 

17:15
1. Damen

Elsflether TB — HC Bremen

18:00
1. Herren

TuS Haren — HC Bremen

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A-Jugend

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15:00
2. Damen

TS Woltmershausen — HC Bremen

17:30
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HC Bremen — SV Werder